Quarantäne ...

Sicher bin ich nicht die einzige, die diesen Zeiten zwischen Erstaunen, Verwunderung, Vernunft, Sorge und anderen Emotionen hin und her gerissen ist. Daher und um vielleicht irgendwann später Aufzeichnungen aus meiner ganz persönlichen Sicht zu haben, werde ich hier von Zeit zu Zeit, ohne Regelmäßigkeit und möglichst zeitnah und authentisch, meine Gedanken und Beobachtungen niederschreiben.

24. März 2020

Interessant, dass meine Tage trotz (mehr oder weniger freiwilliger) Quarantäne wie im Flug vergehen. Wir haben uns eine gewisse Tagesstruktur angewöhnt, die genug Zeit für Gemeinsamkeit, Kontakt zu Familie und Freunden telefonisch oder über Skype, aber auch zum Alleinsein ermöglicht.
Ich gewöhne mir an, jeden Tag um Punkt 18h mit einer Minimal-Version meiner Anlage auf den Balkon zu gehen und ein Lied zu singen. Begonnen habe ich mit "Quando, quando", am nächsten Tag folgte "Rose Garden", am Sonntag ging's noch mit "You've got a Friend", danach wurde es mir zu kalt, und außerdem bin ich mir trotz verhaltenem Applaus aus den gegenüberliegenden Fenstern nicht ganz sicher, ob man die Nachbarschaft wirklich so zwangsbeglücken darf. 

Die Sonne scheint verführerisch, aber die Temperaturen entsprechen ganz und gar nicht dem optischen Eindruck. Die Nachrichten berichten immer das Gleiche, rund um die Uhr. Die Zahlen verändern sich permanent, derzeit leider noch immer steigend, in diesem Moment bei 4486 Infizierten. 


20. März 2020

Der Frühling meldet sich mit Nachdruck. Wir genießen unser Mittagessen auf dem sonnigen Balkon, ab und zu verirrt sich eine Hornisse oder Hummel in mein Zimmer, zieht ein paar Runden und fliegt wieder hinaus. In meiner Umgebung, wo normalerweise tagsüber Ruhe herrscht, weil die Menschen in der Arbeit sind und nicht zu Hause, tönen jetzt von allen Seiten Gesprächsfetzen, Geräusche von diversen Haushaltsgeräten und unterschiedliche Musik aus Radios oder von Streamingdiensten. Diese Stimmung erinnert mich an meine Kindheit.
Weil es gerade passend erscheint, nähe ich bunte Masken, für uns und zum Verschenken, denn Farbe können wir alle brauchen, und Mundschutz voraussichtlich noch eine ganze Weile. In den neuesten Nachrichten erfahren wir, dass sämtliche Maßnahmen bis Mitte April verlängert werden, verbrämt mit Durchhalteparolen. Durchhalten - das werden wir.



19. März 2020

Gestern geht mein Sohn für uns einkaufen. Verkleidet mit Maske und Brille, geschützt mit Handschuhen, bewaffnet mit Einkaufsliste. Die Regale sind gefüllt, die Einkaufenden diszipliniert, unsere Vorräte für die nächsten zwei Wochen gesichert. Wir sind es gewöhnt, vorausschauend einzukaufen, denn auch in unserem Wochenendhaus wäre es längst zu mühsam, wegen jeder Kleinigkeit in die nächstgelegene Stadt zu fahren. Und auch sonst geht's derzeit ganz gut. Wir genießen unser Mittagessen auf dem Balkon bei ersten warmen Sonnenstrahlen, und auf eine seltsame Weise scheint alles ziemlich normal.

Heute Früh kommt mir der Gedanke, dass wir eigentlich mitten in einer Science Fiction Geschichte stecken. Ich war immer schon Leserin dieses Genre, habe Isaac Asimov, Arthur C. Clarke, Robert Heinlein etc. geradezu verschlungen, war in Mr. Spock und Harry Kim verliebt und habe mich mit Heldinnen wie  Captain Kathryn Janeway oder B'elanna Torres identifiziert. Jetzt bin ich selber mittendrin in einer surrealen Situation mit Virus, Ausgangssperren und nur noch virtuellem Kontakt zur Außenwelt. Hoffen wir, dass es beim Pilotfilm bleibt und nicht zur endlosen Serie wird. Und vor allem auf ein Happy End.

Foto: CBS images gefunden > hier (sollten durch die Verwendung Urheberrechte verletzt werden, bitte ich um entsprechende Mitteilung und werde die Verwendung unverzüglich unterlassen)


17. März 2020

Für uns ist es immerhin Tag 5. Vorigen Donnerstag war ich zum letzten Mal draußen, mit dem Auto einkaufen. Keine Hamsterkäufe, sondern möglichst frische Sachen, Obst, Gemüse, Milchprodukte. Alles war normal, die Regale wie immer gefüllt. Dann kamen plötzlich Pressekonferenzen, Verlautbarungen, Nachrichten, und der tatsächliche Ernst der Lage sickert endlich bis zu mir durch.

Heute fährt nur mehr alle paar Minuten ein Auto, meistens ein Lieferwagen, durch die Schwenkgasse, und wenn man vereinzelte Menschen sieht, sind sie meist mit Rucksack und Einkaufstasche unterwegs, sichtlich zum oder vom Einkaufen.

Noch habe ich keinen "Lagerkoller". Zeit zum Nähen, Klavier üben, den Haushalt in Ordnung bringen, lesen, auf einem der beiden Balkone Luft schnappen, mit Familie und Freunden virtuellen Kontakt halten, bis jetzt sind die Tage geschäftig vorbei gegangen.

Dass es bei zwei, drei Wochen bleibt, glaubt allerdings niemand mehr.